„Touren der Zeit“: Gilbert Tinners klangvolle Hommage an Lustenau

Am 11. April feiert ein ganz besonderes Werk seine Uraufführung: „Touren der Zeit“. In einem ausführlichen Interview mit Simone Grabher gewährt uns der Komponist Gilbert Tinner Einblicke in die Entstehung dieses rund 18-minütigen Werks, das weit mehr ist als eine bloße Auftragsarbeit. Für Tinner war die Auseinandersetzung mit der Lustenauer Stickereigeschichte eine Herzensangelegenheit, da seine Mutter selbst aus einer Stickerei-Hochburg im Toggenburg stammt.

Ein massiver Klangkörper mit stabilem Puls

Das Werk besticht durch die seltene Verschmelzung eines symphonischen Blasorchesters mit einer Big Band. Während das Blasorchester für eine enorme Klangfülle sorgt, fungiert die Big Band – und hier insbesondere die Rhythm Section – als der treibende, stabile „Puls“ des Stücks. Tinner betont, dass die Big Band einen kräftigen Ausdruck ermöglicht, der im Zusammenspiel mit den doppelten Holz- und Blechbläserbesetzungen eine ganz eigene Dynamik entfaltet.

Die drei Sätze: Geschichte in Tönen

  1. Aufbruch und Maschinenklänge: Der erste Teil widmet sich der Blütezeit und der industriellen Revolution. Tinner hat hierfür das charakteristische, repetitive Klappern der Stickmaschinen musikalisch übersetzt. Er stellt klanglich drei verschiedene Maschinentypen dar – von den Anfängen bis hin zu modernen Modellen der 60er und 70er Jahre. Um die metallischen Geräusche zu imitieren, setzt er auf unkonventionelle Mittel wie Bodypercussion, rhythmisches Klopfen und das Blasen auf Papier.
  2. Krisen, Schmuggler und Gastarbeiter: Der zweite Satz ist deutlich emotionaler und melancholischer. Er thematisiert wirtschaftliche Schwierigkeiten und Absatzprobleme. Ein zentrales Element ist das Schmugglerlied, das Tinner bewusst nur von tiefen Männerstimmen singen lässt. Obwohl die Melodie volkstümlich wirkt, verzichtet er auf Fröhlichkeit, um dem tragischen Text und der düsteren Stimmung der damaligen Zeit gerecht zu werden. Zudem fließen anatolische Klänge ein, die an die Bedeutung der türkischen Gastarbeiter erinnern. Diese Passagen sind rhythmisch besonders anspruchsvoll (z. B. durch 7/8-Takte), was für die Musiker eine spannende Herausforderung darstellt.
  3. African Lace – Pure Lebensfreude: Der dritte Satz bildet einen farbenfrohen und lebhaften Abschluss. Er feiert die Verbindung Lustenaus zum afrikanischen Markt. Afrikanische Elemente und Rhythmen bringen die Freude über den Erfolg der Stickerei zum Ausdruck und zeigen, wie lebendig diese Identität bis heute ist.

Die Zusammenarbeit und die persönliche Note

Die Entstehung des Werks war ein intensiver Prozess in enger Abstimmung mit dem Dirigenten Josef, den Gilbert Tinner als unglaublich kreativen und ideenreichen Partner beschreibt. Um dem Publikum den Zugang zur komplexen Geschichte zu erleichtern, wird die Musik bei der Aufführung von begleitenden Texten unterstützt.

Was erwartet das Publikum?

Gilbert Tinner hofft, dass die Zuhörer eine tiefe Identifikation mit ihrer eigenen Geschichte spüren. Das Werk bietet ein breites Spektrum an Emotionen – von besinnlicher Melancholie bis hin zu mitreißender Lebensfreude. „Es sind schöne Klänge, die niemanden erschüttern, sondern zum Genießen einladen“, so der Komponist.